Dinge auf mich zukommen lassen

Gestern machte ich einen längeren ansatzlosen Spaziergang in der Natur. Dabei kamen mir Objekte entgegen, die ich nicht bewusst suchte. Sie erschienen ganz unmittelbar vor meinem Auge. Dabei stieg ein Wundern in mir hoch, verbunden mit einem Betroffensein über diese vor meinem Auge erscheinende Wunderdinge. Es war eine schlichte, vertrocknete Pflanze auf einem Haufen von Gartenabfällen an einem See im Wald.
Wird in der Natur mit dem Vertrocknen einer Pflanze üblicherweise ihre Zerstörung assoziiert, betrachtet man im Zen-Buddhismus gerade diesen Moment der Transformation, in dem die eigentliche Seinsweise einer Daseinsform sichtbar wird und sich alle wesentlichen Aspekte des Lebens manifestieren, als zentral.
Nach einem längeren Innehalten in dieser Betrachtungsweise, beschlich mich das Gefühl des Erhabenen. Es demütigte mich und erhob sich zugleich in mir. Es schränkte mein Gemüt ein und trug es gleichzeitig über sich hinaus. Ein Gefühl auslösend, welches eine Ähnlichkeit mit Furcht hat und anderseits aber auch beglückend war. Vom Heiligen berührt, auf dem Weg zum Innersten, meinem Ur-Grund. Trost und Halt, ein kurzer innerer Friede, eine Begegnung von Gegenwart und Ewigkeit, ein tiefer göttlicher Funke.
Ich spürte, was Rudolf Otto als das Numinose beschrieb: ein intensives, nicht rational fassbares Gefühl, des Göttlichen oder Jenseitigen, welches gleichzeitig Ehrfurcht, Staunen und Faszination auslöst.
An dieser Stelle möchte ich mich bei Bruder Jakobus Geiger OSB, Mönch in der Abtei Münsterschwarzach, bedanken. In unseren langen Gesprächen, erarbeitete ich mir nun langsam diese Sichtweise, die für mich eine lebenslange Aufgabe bleiben wird. Das ansatzlose, kontemplative Gehen in der Natur, Dinge nicht suchen, sondern innehalten, sehen, riechen, hören, einfach alles auf mich zukommen lassen, um dadurch eine tiefe innere Verbundenheit mit der Natur herzustellen, um so meiner Arbeit eine neue Dimension hinzufügen zu können.
Schließen möchte ich hier mit einem Zitat von Leo Tolstoi und einer Anmerkung dazu von Arthur Miller
-Was wir in einem Kunstwerk suchen, ist die Offenbarung der Künstlerseele, eines göttlichen Funkens-
Arthur Miller:
- Dieser Funke Gottes entzündet sich in der Begegnung mit dem Heiligen. Er reagiert auf das Heilige und entfacht in uns ein Feuer-
Danke Kirsten für das Portrait von mir